Setzt Wien auf die
Kraft der Symbole?
Von Erhard Busek
Das Völkerrecht hat Kennzeichen für einen Staat entwickelt, etwa eine Verfassung, Staatsgrenzen, eine Hauptstadt und natürlich einen Staatsnamen. Das klingt vielleicht etwas primitiv, aber wir haben viele Beispiele, wo selbst solche Bestandteile in Diskussion sind. Der souveräne Malteser Ritterorden zum Beispiel ist ein Staat ohne Staatsgebiet, während der Staatsname von Mazedonien immer noch in Diskussion ist (entweder Mazedonien oder Frühere jugoslawische Republik Mazedonien = FYROM). Eine Selbstverständlichkeit ist aber heute für alle Staaten eine Hymne, die bei festlichen Anlässen gespielt wird, bei Staatsbesuchen genauso wie bei kulturellen oder sportlichen Ereignissen. Von diversen Olympiaden kennen wir das natürlich.
Nun ist zwar die Europäische Union in diesem völkerrechtlichen Sinn nicht Staat oder eben noch keiner. Aber langsam bekommt sie Merkmale eines solchen, wie etwa eine Vertretung nach außen oder eine Landkarte, in der die Mitgliedsländer unterschiedlich von den sie umgebenden Ländern eingezeichnet sind. Und während noch um eine Verfassung gerungen wird, gibt es bereits eine Europahymne.
Wir Österreicher sollten froh sein, dass sie von der 9. Symphonie von Ludwig von Beethoven genommen wurde, wobei auch der Schiller‘sche Text eine Symbolkraft hat. Festhalten soll man aber auch, dass es nicht ein nationales Element ist, was hier sichtbar wird, sondern dass diese Melodie, sowohl dem Text als auch der Intention Beethovens folgend, etwas darstellt, das Menschen verbindet.
Inzwischen hat die Europahymne ihren festen Platz gefunden. Ganz selbstverständlich wird sie Veranstaltungen vorangestellt oder am Schluss gespielt, wobei wir auch kein Problem hätten, den Text dazu zu singen. Mit dem Singen von Hymnen tun sich allerdings inzwischen die Österreicher offensichtlich sehr schwer.
Interessanterweise wurde auch ein Versuch unternommen, einen lateinischen Text dazu zu schaffen, der Schiller übersetzt und die alte Symbolik des Latein aufgreift, die aus der Tradition der europäischen Universität kommend zeitlos für Europa steht. Gerade in unserer Zeit tut es gut, ein verbindendes Element für Europa zu haben, das nicht in Streit steht. Die Europahymne ist ein solches. Man kann daher auch stolz auf sie sein und durchaus jenes emotionale Gefühl an den Tag zu legen, dass etwa die Amerikaner beim Ertönen ihrer Hymne ganz selbstverständlich zeigen. Hoffentlich ist unserem Europa dieser „Götterfunke“ geschenkt.
Die Initiative, im Eroicahaus in Wien-Döbling ein Dokucenter Europahymne einzurichten, halte ich daher für eine sehr gute, weil eigentlich sehr naheliegende Idee. Hier kann das, was jedem Ohr feierlich wohl erklingt und den meisten Menschen bekannt ist, auf seinem geschichtlichen Weg nachgezeichnet werden - von der Handschrift des Komponisten, der die Handschrift eines Dichterfürsten in Töne setzte bis zum fast 200 Jahre später erfolgenden Beschluss, das Herzstück des Werkes zur Hymne der neuen europäischen Völkergemeinschaft zu machen. Stätten, an denen der "Götterfunke" - vor allem auf die Jugend - überspringen kann, kann Europa gerade heute gut brauchen.
Dr. Erhard Busek
Vizekanzler a. D.
Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa
Rektor der Fachhochschule Salzburg
Ehrenmitglied des Vereins der Freunde des Beethoven Center Vienna im Eroica-Haus