Warum braucht alles so lange?                                                                   

Man könnte glauben, dass gute Ideen, deren erkennbarer Zweck ausschließlich zum Nutzen eines Bezirkes, einer Stadt, eines Landes ist, freudig aufgegriffen und möglichst schnell umgesetzt würden. Jedenfalls kann ich im Projekt „Eroica-Haus“ in der Döblinger Hauptstraße derzeit nur derart Sinnvolles entdecken.

Ein historisches Haus mit einem klingenden Namen, noch dazu dem einzigen mit einem Werk Beethovens im Titel ist die Adresse.

Die Dokumentation der Europahymne ist ein Dienst an den begeisterten Europäern und noch mehr an jenen, die sich noch gar nicht als solche fühlen. Das ist, glaubt man derzeit den Statistiken, immerhin die Mehrheit der Österreicher.

Diese Europahymne, ein Glücksfall der politischen Geschichte, weil sie, von einem großen Dirigenten (Herbert von Karajan) aus der „Freudenmelodie“ der 9. Symphonie von Beethoven arrangiert, unter allen Hymnen der Welt jene mit dem höchsten moralischen Anspruch auf Frieden, Freiheit, Solidarität und Völkerverständigung ist, verdient ein eigenes Zentrum. Ihre Deutung von Schillers Worten und Beethovens Vertonung bis hin zu den derzeit gängigen Fassungen, Übersetzungen (auch in Latein!), Bild- und Tonaufnahmen, also rundheraus allen Dokumenten und Dokumentationen, Beschlüssen und Verordnungen, die visuell und auditiv damit zusammenhängen, ist ein sinnlicher, überzeugender und auch alle außereuropäischen Besucher ansprechender Beleg für die Komplexität europäischen Geistes. Er ist ein Beweis für die Dynamik  der Aufklärung um 1800 und ihre Alternative zur Revolution. Er zeigt, was Nachhaltigkeit in republikanischen Systemen bedeutet und zeugt davon, dass Bildung und Kunst wesentliche Animationen gesellschaftlicher Bindung und solidarischen Zusammenhalts sind, also ein Modell, das in unserer Gegenwart von Neoliberalismus, Entsolidarisierung und Misstrauen gegenüber Staat und Politik bedroht ist.

Es bestünde demnach die Chance, einen konkreten Begegnungsort mit diesem Geist an einer Lokalität in Wien festzumachen, wo sich nicht nur die Europäer aus Ost und West, Nord und Süden  des Kontinents, schon beigetretene als auch beitrittswillige begegnen könnten, sondern auch jene Besucher aus den anderen Kontinenten der Erde, die die Wiener und die Weimarer Klassik hochschätzen und sie als Repräsentanz dieses Europa begreifen gelernt haben.

Manfred Wagner  

Univ. Prof. Dr. Manfred Wagner ist Ordinarius für Kultur- und Geisteswissenschaften an der Universität für angewandte Kunst in Wien sowie Autor zahlreicher musikwissenschaftlicher Bücher und Publikationen.